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Tal der Blumen

Bewertung

Tal der Blumen

Details

Ralph Vetter

07.04.2017 · Community
Diese pittoreske Wanderung aus der Vermarktungsreihe der ostbelgischen Genusstouren sollte unbedingt in Kelmis und nicht in Lontzen begonnen werden. Am Casinoweiher stehen genügend Parkplätze zur Verfügung; hier ist auch eine kleine Übersichtsstafel der Wanderstrecke. Auf einem Stichweg, vorbei am besagten Weiher, folgt man dem Geultal bis zur sog. Emmaburg. Schon entlang des Weges mit seinem desolaten Zaun zum angrenzenden ebenfalls verwilderten Park fällt das kuriose Fabrikantenschloß auf; leider ist eine Besichtigung seit kurzem nicht mehr möglich. Hier beginnt nun der eigentliche, mit einem liegenden grünen Balken versehene Weg. Leicht bergan führt der Pfad durch lichten Buchenwald an einem Gehöft vorbei, dann weiter auf Asphalt über einen kurzweiligen Hohlweg Richtung Astenet. Jenseits des alsbald folgenden Wiesenweges wird das einsam gelegene Katharinenstift sichtbar. Das obskure Gebäude wurde Ende des 19. Jhdts. errichtet und wirkt in dem nun einsetzenden Nebel wie ein katholisches „Bates Motel“ und würde in jedem Horrorstreifen von Edgar Wallace einen Ehrenplatz einnehmen. Tatsächlich ist das Gebäude nun ein Alten- und Pflegeheim, welches nach einem Schlenker über Schloß Thor erreicht wird. Seltsamerweise führt der Weg mitten durch das Heimgelände. Als ich den Eingang zur Kapelle suche, werde ich durch rhythmische Klagelaute irritiert und denke an ein verwundetes Tier. Tatsächlich aber erkenne ich hinter einem Fenster neben mir eine bedauernswerte alte Frau, welche mit geöffnetem Mund, abgestellt in einem Krankenstuhl und sichtlich nicht bei Bewußtsein, diese Laute ausstößt. Eigentlich war ich bei dieser Wanderung auf Naturgenuss ausgerichtet und werde nun mit der harten Realität konfrontiert. Nach Umrundung des Katharinenstifts lasse ich mich auf einer dortigen Bank nieder und beginne das soeben Gesehene philosophisch zu verarbeiten. Wird hier nicht Sterbehilfe mutwillig umgangen? Solange der Mensch nur ein Faktor in einem pervertierten System ist, welches sich an den Milliardengewinnen der Pharmalobby und des Ärtzekartells orientiert, dürfte ein menschenwürdiges selbstbestimmtes Sterben kaum möglich sein. Schließlich dienen die letzten Wochen eines Menschen mit den ungeheuren finanziellen Ausgaben für Gerätschaften, Medikamenten und Personal dem systemerhaltenden Kapitalismus, Umsatz bis zuletzt eben. Wo kämen wir denn hin, wenn jemand aus freiem Willen einfach aussteigt. Besonders absurd wird es, wenn nun mit dem moralischen Zeigefinger gearbeitet wird und die noch immer mächtigen christlichen Kirchen mit dem nur Gott gehörenden Leben argumentieren, welches bis zum Ende gelebt oder besser gesagt, erlitten werden muß. Nun ja, wer einen Dachschaden hat, kann den Himmel besser sehen. Mein Wein neigt sich ebenfalls dem Ende entgegen und ich ziehe weiter des Weges. Die nächste halbe Stunde folgt dien Wanderung recht unspekakulär mehreren teils breiten Feldwegen. Endlich nähern wir uns dem Naturschutzgebiet Hohnbachtal und es geht bald wieder bergauf. Tatsächlich finden sich hier auf der bewaldeten Bergkuppe Massenvorkommen der berühmten Narzissen. So gesehen sollte die Wanderung besser „ Im Berg der Blumen“ heißen. Ungewöhnlich ist hier das Vorkommen auf der Höhe und nicht wie gewohnt im Tal. Leider waren wegen des milden Winters die meisten Exemplare schon verblüht, nichtsdestotrotz ist hier der landschaftlich schönste Teil der Wanderung und im frühen Grün des beginnenden Aprils stellt sich eine mystische Aussstrahlung ein. Viel zu schnell geht es wieder bergab und mit einem letzten Blick auf Kelmis erreicht man wieder den Casinoweiher. Hier sollte man noch unbedingt den ca. 400 m langen Parcours über die erhaltene Schlackenhalde des ehemaligen Erzbergbaus zu Altenberg auf Holzstegen begehen. Völlig unverständlich ist mir, daß dieser kurze Abstecher nicht in den markierten Pfad mit einbezogen wurde. Tatsächlich blühen hier schon die seltenen Galmeiveilchen, die sich an den Extremstandort des Schwermetallbodens angepasst haben. Fazit: im Frühjahr nette Wanderung, eher ein Spaziergang auf unspektakulären Wegen mit wenig Höhenunterschieden. Die Markierung ist teilweise etwas zu dürftig, die Mitnahme einer Karte ist also unbedingt anzuraten.
Gemacht am 05.04.2017
Am Casinoweiher
Am Casinoweiher
Foto: Ralph Vetter, Community
Hohlweg nach Astenet
Foto: Ralph Vetter, Community
Katharinenstift im Nebel
Foto: Ralph Vetter, Community
Die letzte Narzisse
Foto: Ralph Vetter, Community
Viola calaminaria, das Galmeiveilchen
Foto: Ralph Vetter, Community

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